Sinn und Unsinn viraler Blog-Werbung

Nils viral Marketing 2 Comments

In den letzten Tagen wurden an einige Blogger anonyme Päckchen versandt. Wie Torben Friedrich in seinem Blog beschreibt, war der Inhalt ein USB-Diskettenlaufwerk und eine Diskette, beschriftet mit “Erinnerst Du Dich noch an mich?”. Auf der Diskette war wiederum ein Link abgelegt zu erinnerst-du-dich-noch-an-mich.de *. Dort gibt es nicht viel zu sehen, nur einen weiteren Link zu der Blog-Seite einfach-clara.de *. Dort bloggt eine Clara Lind und auf den ersten Blick wirkt das alles eher normal, wie ein herkömmlicher Blog eben. Nicht das beste Design, die Einträge scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen, einzig ein durchaus nicht unprofessionell gemachtes Video zeugen davon, dass hier nicht unbedingt eine Privat-Bloggerin am Werk ist. Ziemlich mysteriös das alles.

Ein Blick auf die “Über mich”-Seite bringt aber Aufklärung. Dort steht nämlich, dass unsere Clara 24 Jahre alt ist und Publizistik an der Freien Universität Berlin studiert. Noch ein Stück weiter unten erfährt der Leser, was es mit einfach-clara.de auf sich hat. Nicht besagte Clara bloggt hier nämlich, sondern die Social Media Agentur vm-people.de, im Auftrag von Universal McCann. Und hätte letzterer Agentur-Hinweis noch nicht ausgereicht, um zu erkennen, wer wirklich dahinter steckt so verrät es die Seite selbst:

Microsoft Deutschland führt zum Launch von Windows 7 die Social Media Experience “Journey to Simplicity” durch. Bei “Journey to Simplicity” wird eine Reise quer durch Deutschland von einem ungleichen Paar angetreten: der jungen Journalistin Clara und ihren Großvater Viktor, die mit staunenden Augen und scharfen Verstand der Frage auf den Grund gehen, was es bedeutet in einer digitalen Welt zu leben.

Microsoft also. Eine Social Media-Kampagne für Windows 7. Das ist ja an sich erst einmal nichts schlimmes. Nur fragt sich nicht nur Torben in seinem Blog-Eintrag, was das ganze soll, auch ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Wo ist der wirkliche Zusammenhang, der Bezug zum Produkt? Man will der Frage auf den Grund gehen, “was es bedeutet in der digitalen Welt zu leben”? Sorry, das kommt mir bekannt vor. Hatte nicht Vodafone vor einigen Monaten gleiches vor und ist gescheitert? Gut, Microsoft verfolgt hier offensichtlich einen anderen Ansatz. Man möchte die Blogger scheinbar nicht in die Kampagne persönlich integrieren, sondern diese eben zu dem verleiten, was sie am besten können – bloggen. Über das Produkt.

Und genau dort liegt der Fehler. Wie soll ich über ein Produkt bloggen, was auf der “Kampagnen-Seite” (nennen wir sie mal so) nicht vorkommt. Oder im Zusammenhang mit dieser seltsamen Disketten-Aktion. Es bleibt den Bloggern doch nichts anderes übrig, als die Sache in der Luft zu zerreißen.

Dass diese so genannten “Alternate Reality Gaming”-Kampagnen durchaus erfolgreich verlaufen können, hat das Beispiel Pons gezeigt. Der Unterschied ist hier nur, dass Pons es mir seiner beispielhaften Blogger-Aktion geschafft hat, das Produkt und das Produktversprechen der Zielgruppe auf charmante Weise näher zu bringen. Die Gefahr, dass so etwas nach hinten losgeht, ist immer hoch.

Wieso setzen sich also Firmen, wie Microsoft dieser Gefahr aus? Gerade die Redmonder haben doch sowieso einen schlechten Ruf vielen vielen Computer-Benutzern. Eine Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand. In der heutigen Zeit muss man alle Kanäle ansprechen. Da reicht einfache Bannerwerbung oder Werbung im TV nicht mehr aus. Dennoch erreicht Microsoft mit der obigen Aktion nur einen winzigen Bruchteil, der am Ende noch nicht einmal positives zu berichten weiß. Dass Microsoft auch anders kann, haben sie mit diesem Spot zu Microsoft Projekt gezeigt:

Immerhin wurde dieser mehrere Millionen Mal auf Youtube aufgerufen.

Eine endgültige Klärung auf die Frage nach dem Warum für die Disketten-Aktion wird wohl nur Microsoft selbst geben können. Vielleicht wollte man auch das uralte Advertising-Prinzip anwenden, welches Mr. Greenstreet in diesem Video so anschaulich erklärt “irritate, irritate, irritate them!”.

Wirkliche Gewinner sehe ich hier jedenfalls nicht. Auch nicht das Mädel, was seinen Namen und Gesicht für die Kampagne hergibt. Wobei nicht wirklich sicher ist, ob sie wirklich Clara Lind heißt. Spannend bleibt am Ende die Frage, wie sie zu diesem Job gekommen ist, Casting? Vitamin B? Was bekommt man als virales Werbegesicht für Windows 7?

Comments 2

  1. Fritten

    Netter Ansatz, den es zu vertiefen gilt..
    Virale Werbung ist aufjedenfall der richtige Ansatz und kann mit wenig Kosten sicherlich viel bewirken (betrachtet man z.B. den neuen “Blairwitch Project”-Verschnitt), doch ob die Wirkung auch dem Unternehmen den positiven Mehrwehrt verschafft ist manchmal wirklich fragwürdig.

    Ich hake da mal nach, warum ich es geschickt bekommen habe und warum sie dachten, dass es so der richtige Ansatz ist…

  2. Pingback: 50hz – Werkstatt für Netzkommunikation » Blogarchiv » Von wegen Clara: Microsoft mit Virus

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