Einmal die gesammelten Werke von Goethe für 99 Cent!

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Olaf Kohlbrück stellt auf seinem neuen Blog etailment.de eine These auf, über die sich trefflich streiten lässt. Er ist der Meinung, die Buchbranche mache den gleichen Fehler wie vor ihr schon die Musikindustrie, indem sie in behäbiger Nostalgie alten Mustern nachhängt und für eine “Romantisierung des Haptischen” wirbt. Eher sollte sie doch offen auf das Neue, die unaufhaltsame Welle der eBook-Revolution zugehen und das Beste aus dem sowieso Unvermeidlichen machen. Als Aufhänger dient ihm dafür ein virales Video eines Buchladens, in welchem die Bücher des Nachts lebendig werden und ihren eigenen kleinen Tanz aufführen. Ich hatte das Video auf Google Plus auch schon gepostet, allerdings eher aus Ehrfurcht vor der wahnsinnig aufwändigen Stop-Motion-Arbeit, die dahinter steckt.

Die Fragen, die Olaf Kohlbrück unausgesprochen in den virtuellen Raum wirft, sind so einfach wie kompliziert zu gleich. Wird es die Kaminfeuer-Romantik eines guten Buches im Ohrenbackensessel für zukünftige Generationen noch geben, oder nicht? Sollten die Buchverlage möglichst schnell komplett auf Digital umstellen? Und vor allem – und da ist überhaupt der Knackpunkt sowohl für Publisher als auch für die Käuferschicht – sollen eBooks etwa genauso haarsträubend günstig wie digitale Musik angeboten werden?

“Einmal die gesammelten Werke von Goethe für 99 Cent, Bitteschön!”

Wer nun denkt, so schnell wird es doch nicht gehen, die Akzeptanz von eBooks ist in der Bevölkerung doch noch so gering, niemand möchte auf einem Display ein ganzes Buch lesen. Wo bleibt da die Haptik der Seiten und das olfaktorische Vergnügen, den Geruch von echten Papier in der Nase zu haben? So ganz anders als der kalte graue Schein des Kindle-Displays. Wer so denkt, macht eventuell den gleichen Fehler, wie so viele Menschen der Geschichte. Beinahe jede große Erfindung durchläuft diese Stufen der Ablehnung, wie Kathrin Passig in diesem lesenswerten Artikel so schön darlegt. Wer so denkt, der verkennt, dass heranwachsende Generationen nicht Nachmittage lang in Bibliotheken verbracht haben. Dass diese kaum das herrliche Gefühl kennen, durch Hallen und Regale von Büchern zu schreiten, mit immer neuen Abenteuern und Geschichten, die hinter jeder Ecke lauern, gelesen zu werden. Als Kind hatte ich oft dieses Erlebnis. Und auch heute noch gehe ich sehr gerne in Bibliotheken, insbesondere in solch schöne, wie die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder die Old Library des Trinity College in Dublin. Die heranwachsende Generation hingegen ist mit SMS, Handy und vor allem Computerbildschirmen von Beginn an konfrontiert gewesen. Warum sollte sie also nicht auch Medien, wie Bücher, darauf konsumieren. Der Kindle ist im Weihnachtsgeschäft eines der meistverkauften Elektronikprodukte gewesen, eBook-Verkäufe steigen rasant.

Wenn nun auch noch Apple damit beginnt, Text- und Lehrbücher in der Schule iPad-basiert anzubieten, wird sich die Lernkurve der jüngsten noch ein wenig mehr in Richtung elektronisches Buch verschieben. Doch wer sagt, dass diese Entwicklung negativ sein muss. Ganz im Gegenteil. Ebooks haben gegenüber ihren gedruckten Vorfahren ganz entscheidende Vorteile. Auf den Kindle passen mehrere tausend Bücher gleichzeitig, wer braucht da noch Bücherregale. Durchsuchbar sind sie auch und oft kostenlos oder günstiger zu haben.
In der Tat sollten sich die Buchverlage, ebenso wie seinerzeit die Musikindustrie, fragen, ob denn wirklich alles so schlecht ist mit den neuen Möglichkeiten. Mit elektronischen Werken lassen sich gänzlich neue Vermarktungswege beschreiten. Tablets, wie das iPad, bieten die Möglichkeit, Illustrationen interaktiv erscheinen zu lassen. Vorlesefunktion und Lernhilfen sowie intelligente Querverweise oder auch In-Buch-Käufe oder eBook-Games drängen sich geradezu als neue Absatzwege auf.

Dennoch wird es weiterhin gedruckte Bücher geben. Und das ist gut so. Denn mögen eBooks noch so viele Vorteile haben, geht doch nichts über den Rückzug in romantischere Sphären, raschelnde Blätter und spannende Einbände. Eine menschliche Eigenschaft spielt ganz kräftig in die Hände zukünftiger Verleger: Der Wunsch Altes, Nostalgisches nicht gänzlich vergessen zu lassen. Der Trend zum Retro steckt in uns allen. Wie es heute Liebhaber alter Schallplatten gibt, denen nichts heiliger ist als der Klang eines HMV-Grammophons, so zählen daher auch Bücher noch lange nicht zum alten Eisen. In bestimmten Nutzungsituationen ist ein echtes Buch nämlich doch praktischer als ein digitales. Am Strand, als Geschenk, als großformatiger Bildband oder auch als Design-Objekt in der Wohnung. Warum hängen wir uns wohl noch echte Bilder auf und schauen uns nicht etwa nur noch die digitalen Fotos auf unseren Festplatten an?

Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, den Herrn der Ringe einmal in voller Länge auf einem Kindle zu lesen. Meine (zukünftigen) Kinder vielleicht schon. Schöne neue Bücherwelt!

Comments 1

  1. Nicole

    “Dennoch wird es weiterhin gedruckte Bücher geben. Und das ist gut so. Denn mögen eBooks noch so viele Vorteile haben, geht doch nichts über den Rückzug in romantischere Sphären, raschelnde Blätter und spannende Einbände.”

    Das hoffe ich sehr. Ich gehöre anscheinend doch schon der Generation an, die an alten Sachen festhält. Ein Kindle ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ich hoffe, es kann beides nebeneinander existieren.

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