Gougane Barra ND-Filter

Cokin ND-Filter für Langzeitbelichtung sinnvoll?

Nils Fotografie, how-to, Test 4 Comments

Wasserfälle, die aussehen wie flüssige Seide, menschenleere Plätze im vollen Tageslicht, geisterhaftes Wasser, spiegelglatte Seen – wer in der Fotografie solche Effekte erzielen möchte, braucht einen ND-Filter. ND steht dabei für “neutral density”, also Neutraldichte. Oft werden sie auch als Graufilter oder Neutralgraufilter bezeichnet. Neutral deshalb, weil sie das Bild gleichmäßig abdunkeln und die Farben nicht verfälschen. Dieses Abdunkeln ist dann auch der ganze Trick an der Sache. Mit einem ND-Filter kann man trotz zu hellem Umgebungslicht lange Belichtungszeiten nutzen. Ungefähr also wie eine Sonnenbrille für das Objektiv.

Langzeitbelichtungen haben mir schon immer Spaß gemacht. Letztlich sind sie ein Mittel der fotografischen Kunst, bei dem ein Abbild geschaffen wird, welches das Auge so nicht wahrnehmen kann. Im Gegensatz zu einer Momentaufnahme, wie wir sie bei beinahe jedem Foto machen, wird hier nicht der Zeitpunkt, sondern ein Zeitverlauf in einem Bild gebannt. Eine Art Mini-Zeitreise. Das fertige Bild vereint zwischen Öffnung und Schließen des Spiegels alle dazwischen liegenden Momente. Auf diese Weise wird hartes, sonst tropfenförmiges Wasser flüssig, es erscheint bei einem Wasserfall wie Seide. Kräuselige Seen werden geglättet, Nebel wird geisterhaft und Menschen verschwinden.

Wer diese Effekte erreichen möchte, der steht wie bei so vielem in der Fotografie vor der Qual der Wahl. ND-Filter gibt es viele, je nach Einsatzzweck eignen sich bestimmte besser, andere schlechter. Glücklicherweise sind die Hersteller, die ND-Filter anbieten überschaubar. Da sind neben Hoya vor allem B+W, Bilora und Hama die häufigsten im Laden anzutreffenden Anbieter (amazon Link). Allesamt bieten sie sehr hochwertig vergütete Filter an, die man direkt auf das Objektiv aufschraubt. Das macht diese ND-Filter sehr teuer und zudem unflexibel, da man sie nicht so schnell wechseln kann. Viele Profis, vor allem in der Werbeindustrie, schwören daher auf ein flexibleres System mit Filterscheiben, wie es z.B. von Cokin angeboten wird. Auch ich habe mich für dieses System entschieden, da es nicht nur preiswerter ist, sondern sich diese Filter auch auf mehreren Objektivgrößen verwenden lassen.

Das Filtersystem von Cokin

Das Cokin-Filter-System besteht aus drei Teilen. Zunächst benötigt man einen Distanzring, welcher vorne auf das Objektiv geschraubt wird. Er ist dafür zuständig, dass die beiden anderen Bauteile am Objektiv halten und es gibt ihn passend zum Objektiv in diversen Durchmessern. Beispielsweise in 72mm für das EF-S 28-135mm IS USM von Canon. Auf den Distanzring wird dann das zweite Bauteil aufgeschoben, der eigentliche Filterhalter. Dieser besteht im Gegensatz zum Distanzring aus Plastik und hat an den Seiten Führungen, die die Filterscheiben halten. Und als letztes gibt es noch die Filterscheiben selber, erhältlich in unzähligen Ausführungen für diverse Anwendungszwecke.

Wie lässt sich dieses System nun für Langzeitbelichtungen einsetzen? Wie funktionieren diese long time exposure shots, worauf muss man achten, welche Einstellungen sollte man wählen? Im folgenden Exkurs erkläre ich das in Verbindung mit dem Cokin ND-Filter.

Exkurs: Wie wird ein ND-Filter richtig eingesetzt?

Möchte ich einen Neutralgrau-Filter benutzen, brauche ich zunächst einmal ein Motiv, was sich dafür eignet. Gut geeignet sind Wasserfälle, gerade Anfänger können hier schnell die erwünschten Ergebnisse erzielen. Damit man bei vollem Tageslicht eine hinreichend lange Belichtungszeit erzielt (für fließendes Wasser sollte es mindestens 1/60s sein), benötigt man definitiv einen ND-Filter, je dunkler, desto besser.

1. sinnvollen Standpunkt suchen

Da es eine Langzeitbelichtung werden soll, brauche ich einen guten Standpunkt mit Blick auf den Wasserfall. Dort, wo ständig Leute vorbei laufen, ist es z.B. eher ungünstig. Die Kamera muss während der Belichtung möglichst ruhig stehen und es darf auch niemand vor dem Objektiv herumlaufen. Ebenso nervig ist Spritzwasser oder dieser feine Nebel, der sich an Wasserfällen immer bildet, da er Wasserflecken auf der Filterscheibe verursacht. Die Kamera sollte also so positioniert werden, dass diese Probleme nicht auftreten.

2. Stativ verwenden

Eine Langzeitbelichtung zeichnet sich vor allem durch eines aus: eine lange Belichtungszeit. Dass dabei die Kamera nicht wackeln darf, sollte jedem klar sein. Ein Stativ hilft dabei, es sollte möglichst sicher stehen und vielleicht auch schnell auf- und abbaubar sein, wenn man mal den Standort wechseln möchte. Ich verwende das Velbon Sherpa 250R (amazon Link), weil es schön leicht ist und dennoch stabil. Alternativ stellt man die Kamera auf eine unbewegte ebene Oberfläche.

3. Kamera vorbereiten

Distanzring und Filterhalter des Cokin-Systems werden an der Kamera angebracht. Die Filterscheibe bleibt jedoch noch unten. Aus gutem Grund. Durch den ND-Filter fällt je nach Ausführung sehr wenig Licht. Zu wenig für die empfindlichen Rezeptoren des Kamerasensors. Ein automatisches Scharfstellen und Messen der Belichtung ist mit vorgesetztem ND-Filter daher nicht möglich. Also zuerst ohne Filter automatisch messen. Die so festgestellten Blenden und/oder Verschlusswerte merken oder notieren.

4. Belichtung einstellen

Objektiv auf manuell stellen und die Filterscheibe einsetzen. Nun muss man die Verschlusszeit oder Blende entsprechend der Dichte des Filters einstellen. Mein Cokin ND-Filter mit der Aufschrift P154 entspricht einem ND8-Filter und verlängert die Blende um drei Stufen. Das bedeutet, dass aus einer Einstellung von Blende 16 ohne Filter eine Blende 5,6 (bei gleicher Verschlusszeit) mit Filter wird. Oder, alternativ, dass aus einer Einstellung von Verschlusszeit 1/125s ohne Filter eine Verschlusszeit von 1/15s mit Filter (bei gleicher Blende) wird. Da dieses Zusammenspiel zwischen Filter, Verschlusszeit und Blende eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten zulässt, sollte man gerade bei sehr zeitintensiven Belichtungen wissen, was man tut. Hilfreich sind dafür ND-Filter-Tabellen oder die iPhone-App “Long Time”, mit denen sich aus vorgegebenen Werten ohne Filter die entsprechende Werte mit Filter berechnen lassen. Zur Not hilft auch der gute alte Taschenrechner. Anleitungen gibt es zudem hier und hier.

5. Auslöser drücken….warten

Gerade bei sehr langen Belichtungszeiten sollte man den Auslöser nicht von Hand aktivieren, sondern eine Fernbedienung benutzen um unnötiges Verwackeln zu vermeiden. Ich habe dafür die Canon RC-1 (amazon Link), die an meiner 550D sinnvoll funktioniert. Nun heißt es warten – ein paar Sekunden – oder, je nach Filter und Einstellung auch mehrere Minuten bis Stunden. Für einen Wasserfall reichen Bruchteile von Sekunden bis hin zu ein paar Sekunden locker aus.

6. Ergebnis kontrollieren

Ist das Wasser fließend, milchig weiß und das Bild scharf? Super. Ansonsten nochmal versuchen.

Warum nun unbedingt Cokin-Filter, was ist so toll daran?

Gerade wenn man etwas mit den Einstellungen spielen möchte, sind die Cokin-Filtersysteme gut geeignet. Diese muss man nicht erst an- und wieder abschrauben, wie dies bei B+W, Hoya und andere Anbietern der Fall wäre. Möchte man also erneut automatisch Schärfe und Belichtung messen, reicht ein einfaches Rausschieben der Filterscheibe aus. Ebenso, wenn man beispielsweise noch andere Filter von Cokin einsetzen möchte, um deren Effekte zu sehen. Der Filterhalter bietet zudem Platz für bis zu 4 Filterscheiben hintereinander. Mehrere ND-Filter in Kombination sind also auch möglich. Dabei sollte man aber bedenken, dass durch zu viele ND-Filter das Bild einen Rotstich bekommt und die Vignettierung zunimmt bzw. die allgemeine Schärfe abnimmt.

Ebenso lassen sich mit dem Cokin-System die Filterscheiben bei den unterschiedlichsten Objektivgrößen einsetzen. Filterscheibe und Filterhalter passen dabei immer, gewechselt werden muss nur der Distanzring. Zwischen Objektiv und Distanzring lassen sich sogar noch Aufschraubfilter einsetzen, wenn man dies möchte. Ein weiterer Vorteil ist die große Auswahl an Filtern bei Cokin, es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt.

Als Nachteile muss man die schlechtere Qualität der Filterscheiben im Vergleich zu Hoya und Co. anführen. Letztlich besteht die Cokin-Scheibe aus Plastik. Das macht sie leicht und unempfindlich aber eben nicht sehr hochwertig. Zudem zieht sie Staub und Fusseln magisch an, ein Läppchen sollte man daher immer bei sich führen. Nachteilig wirken sich auch der leicht wackelige Halter aus, in welchen man die Filterscheiben einsteckt. Dadurch, dass zwischen Objektiv und Filterscheibe ein sichtbarer Spalt verbleiben, fällt hier Licht ein, welches sich bei sehr langen Belichtungen negativ auf das Ergebnis auswirken kann.

Vorteile Cokin ND-Filter

+ preisgünstig
+ flexibel
+ große Auswahl an Filtern
+ leichte Handhabung

Nachteile Cokin ND-Filter

+ nicht sehr hochwertig
+ Lichteinfall bei sehr langen Belichtungen und Rotstich bei sehr starken ND-Filtern

Mein Fazit fällt positiv aus. Gerade für Anfänger ist das System aufgrund seines Preises gut geeignet. Dazu auch als Tipp: ich wollte nicht kleckern sondern klotzen und habe mir gleich den P154, entsprechend einem ND8, geholt. Ich denke, gerade für Beginner ist dies sinnvoll, da man so die Effekte der Neutralgraufilter am besten sieht und zudem auch bei Tageslicht Ergebnisse erzielen kann. Möchte man das gleiche mit einem Hoya-Filter erreichen, legt man gute 20 Euro mehr auf den Tresen. Cokin-Filter gibt es im gut sortierten Fachhandel (hier in Göttingen leider gar nicht), bei amazon oder einem spezialisierten Händler, wie Foto Müller.

Comments 4

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  2. czoczo

    Über Cokin Fiter bin ich schon Langen am überlegen …
    vor allem die Vielzahl von möglichkeiten machen den Filter richtig interessant .
    Bin gespant … vieleicht wird das meine erste Einkauf in neuem Jahr

  3. Pingback: Gitarre lernen mit dem iPad | nilsmerker.de

  4. A.P.

    Kleine “mäkelige” Anmerkung zum “Wasserfallfoto”: Dort, wo das Wasser über die Stufen rauscht, sind die Lichter total ausgefressen. Das Bild ist hier also zu lange belichtet (oder in der Bearbeitung ist was schief gelaufen). Das Ziel sollte m.E. schon sein, dass hier noch Zeichnung vorhanden ist. Meine Langzeitbelichtungen von fließendem Wasser sind im übrigen immer so zwischen 3 und 10 Sekunden (zwei Schraub-Graufilter kombiniert).

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